So gesehen...

Leckgeschlagen

Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Nun ja. Jein. Sagen wir statt Päckchen lieber Rucksack. Ein Päckchen bekommt man geschickt, auch schon mal ungefragt oder unbestellt. Rucksack klingt besser – den packt man sich nämlich selbst. Und darin befinden sich all die Themen, die wir in diesem Leben gern beackern möchten. Das sind die Themen (Kopfnüsse), die uns immer wieder begegnen, bis wir sie eines Tages geknackt haben.

Einige meiner Themen sehe ich auch in den Rucksäcken anderer und muss dann immer schmunzeln – nein, allein bin ich damit nun wirklich nicht. Wieder vermehrt begegnet mir in diesen Tagen, was ich jetzt spontan mal als das ‚leckgeschlagene Herz‘ bezeichnen möchte. Es ist nicht gebrochen, fühlt sich allerdings verwundet, weil ihm in irgendeiner Form Unrecht getan wurde. Die folgenden Geschichten beschreiben ganz gut, wovon ich rede. Vielleicht findet du dich an irgendeiner Stelle sogar selbst wieder. Stell dir vor (oder erinnere dich?)…

 


…du lädst zu einem runden Geburtstag ein und machst dir mit der Vorbereitung richtig viel Arbeit; es soll ja für alle schön werden. Du bittest alle geladenen Gäste innerhalb von 4 Wochen um ihre Zu- oder Absage. Dein bester Freund meldet sich eine Woche nach Ablauf dieser Frist und sagt dir ab mit der Begründung, er habe bereits etwas vor. Auf deiner Gästeliste steht er ganz oben, weil es für dich völlig außer Frage stand, dass er kommen wird.

…ein Gemeinschaftsprojekt auf Arbeit steht an. Du schließt dich dazu mit einer Kollegin zusammen. Nur dass diese Kollegin von Beginn an kaum Interesse zeigt und sämtliche Fristen für ihre Zuarbeiten reißt. Also stellst du das Projekt weitgehend allein fertig und opferst einen Teil deiner Freizeit, um pünktlich abliefern zu können und dir keine Blöße zu geben. Als dein Chef schließlich ein Lob und Dankeschön ausspricht, tritt deine Kollegin einen Schritt vor und erklärt, es sei keine große Sache gewesen. Für einen Außenstehenden könnte dies so aussehen, als habe sie den Großteil der Arbeit geleistet.

…du bist Feuer und Flamme für ein Hobby, zB. Holzarbeiten, und inzwischen richtig gut darin geworden, etwas mit deinen eigenen Händen zu produzieren. Dein letztes Projekt war richtig zeitaufwändig und schwierig, aber du hast es geschafft und kannst stolz sein auf dein Werk. Dann kommen deine Eltern zu Besuch und du zeigst es ihnen. Doch ihre einzige Reaktion lautet „Ah.“ Gefolgt von der Frage, wann du dich zuletzt bei deiner Schwester gemeldet hast. Die hat nämlich ein neues Sofa gekauft. Sieht richtig schick aus, so in grau und hellblau…


 

Egal, ob du jemandem anscheinend nicht wichtig genug bist, ausgenutzt worden bist oder das Gefühl vermittelt bekommst, du seist nicht gut genug… du kannst den Schlag im Herzen spüren. Und es gibt zahllose weitere Beispiele – beleidigt oder bloßgestellt worden zu sein, gar belogen oder einfach vergessen. Meine Aufzählung endet hier, denn ich bin mir sicher, du erinnerst dich an das letzte Mal, dass dein Herz sich anfühlte, als sei es leckgeschlagen.

Und wie bist du damit umgegangen? Mit den kleinen oder großen Ungerechtigkeiten? Ganz schön verletzend oder?

Vielleicht verbleibst du ja genau bei diesem Gefühl des Verletztseins und fühlst dich als Opfer. Vielleicht magst du gar nicht wie das Opfer dastehen und somit schwach wirken – und gehst deshalb dazu über, wütend zu sein. Gedanken wie „Wie kann man nur so sein?“ oder „Die spinnt doch!“ tauchen ganz automatisch auf. Und wenn uns das stille Wüten irgendwann zu sauer aufstößt? Na dann rufen wir eine Freundin an und erzählen ihr das Ganze. Und holen uns bei ihr die Bestätigung ab, dass wir es ganz richtig sehen und ein solches Verhalten wirklich unterirdisch ist; dass wir zu recht wütend oder verletzt sind. Danach… rufen wir vielleicht noch jemanden an oder treffen jemanden – und auch hier erhalten wir, wie schon zuvor, dieses beruhigende Feedback.

Sehr schön. Sind wir also sauer. Schließlich sind wir im Recht und der Andere hat unrecht.

Wir stellen uns dann gern vor, wie wir genau das dem Anderen klar machen; legen uns die Sätze zurecht und überlegen, wie wir auf diese oder jene Rechtfertigung oder Antwort reagieren wollen. Der Andere soll kapieren, dass er sich mies verhalten hat. Und wenn wir schon dabei sind – sich am besten noch schuldig fühlen. Zumindest aber einsehen, dass er Mist gebaut hat. Wir wollen eine Entschuldigung. Aber ob wir ihm dann vergeben, hängt natürlich von der Art und Weise der Entschuldigung ab… Wie oft (oder besser: wie selten) wir den Anderen zur Klärung tatsächlich direkt auf das Ereignis ansprechen, davon will ich gar nicht reden. Oft bleibt es dabei, dass wir uns bei Dritten ausheulen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Das Ergebnis deiner ganzen Überlegungen lautet also: du hast ein Recht darauf, wütend zu sein.


Glückwunsch. Und jetzt… atme tief ein und lass es los.


Na? Wer verzieht jetzt gerade das Gesicht? Hand hoch!

Würde das in dieser Situation tatsächlich jemand von dir verlangen, dann wärst du wahrscheinlich erst recht sauer. Wie jetzt, einfach nicht wütend sein? Wut und Kränkung loslassen, als sei nichts gewesen? Sätze wie „Der Klügere gibt nach.“ fallen dir ein. Nur kämst du dir nicht wie der Klügere, sondern der Dümmere vor, der sich alles gefallen lässt.

Ein berechtigter Einwand, allerdings nur, wenn du den Ärger nur herunterschluckst und er dir im Hals stecken bleibt. Nein, ich rede davon, ihn wirklich und wahrhaftig loszulassen.

Dieser Vorschlag mag sich jetzt total abwegig anhören, anmaßend irgendwie. So als seist du hungrig, würdest aber einfach nicht essen, obwohl ein herrlich duftender Teller vor dir steht. Denn wenn wir einen Grund haben, uns aufzuregen, dann tun wir das in der Regel auch (auch wenn die Toleranzschwelle bei jedem woanders angesiedelt ist). Von dieser Gewohnheit plötzlich ablassen zu sollen, klingt nicht nur abwegig. Es macht uns auch unruhig, ja sogar unzufrieden. Manch einer könnte sich sogar körperlich unwohl fühlen, weil es so ungerecht scheint.

Wenn es uns also derart danach verlangt, unserem inneren Drang nachzugeben und das Unrecht zu entlarven – weshalb sollten wir dann genau das nicht tun? Danach würde es uns schließlich viel besser gehen!

Dazu ist es wichtig zu sehen, woher das Bedürfnis, im Recht sein zu wollen, eigentlich kommt. Ich fühle mich verletzt, herabgesetzt oder bloßgestellt – so will ich mich aber nicht fühlen! Ich will mich nicht schlecht fühlen, also sorge ich dafür, dass entweder der Verursacher sich stattdessen schlecht fühlt oder er vor anderen zumindest als der moralisch Rückständige dasteht…

Aber was, wenn ich keine Freundin anrufe, um mich auszuheulen, sondern jemand anderes. Jemanden, der mich in und auswendig kennt und von dem ich weiß, er wird mir nicht nach dem Mund reden oder mir etwas vormachen wird? Was, wenn ich meine eigene Seele anrufen könnte? Man stelle sich vor, was sie mir zu sagen hätte! Bzw. wer „Seelenwege – eine Handvoll Nüsse“ gelesen hat, darf sich jetzt Fragen: was würde Irma dazu sagen? Ich stelle mir das in etwa so vor:

Seele:


Ich habe dich gehen lassen, weil du es so wolltest. Damit du in diesem Leben ganz bestimmte menschliche Erfahrungen sammeln kannst. Die hast du dir ohne Ausnahme selbst ausgesucht, wie auch die Menschen, die dir diese Erfahrungen möglich machen sollen. Einem dieser Menschen jetzt vorzuwerfen, dass er erscheint und sich an eure Vereinbarung hält, ergibt deshalb keinen Sinn.

Dein Ziel ist es, dich wieder durch meine Augen zu sehen. Und in meinen Augen bist du es für immer Wert, geliebt zu werden. Nichts kann deinen Wert in meinen Augen schmälern oder deine Vollkommenheit zerstören. Weil du ein Teil von mir bist und ich dich niemals fallen lassen werde.

Das zu erkennen, ist der Sinn deines menschlichen Lebens. Und deine Werkzeuge sind Erfahrungen wie Schmerz oder Zurückweisung. Erst wenn du dich durch meine Augen sehen kannst, wird der Schmerz belanglos und du wirst keine Angst mehr empfinden. In diesem Moment wirst du dich mir öffnen und den ganzen Ärger loslassen. Einfach so.

Denn wenn du dich vollkommen fühlst und für immer geliebt, wirst du aus dir selbst heraus heil sein, also in deiner Seele sein. Und keinen anderen Menschen mehr brauchen, der dir sagt wie wunderbar du bist. Oder der diese Bedürftigkeit ausnutzt und dich stattdessen kränkt. Du bist nicht bedürftig, bist es nie gewesen. Ganz einfach, weil ich es auch nicht bin. Denn wir sind Eins.

Die Erfahrung, die du jetzt machst, soll dich genau daran erinnern. Du willst nicht wütend sein. Eigentlich willst dich bei dieser anderen Seele bedanken. Denn der ganze Plan dahinter ist nichts als reine Liebe. Kannst du es jetzt erkennen?


 

Ja, ich denke, genau so etwas würde die Seele am Telefon sagen. Nichts sei Zufall, sondern alles vereinbart. Da möchte man doch losmarschieren und sich bei seinem Exfreund bedanken, dass der sich besonders gründlich an die Vereinbarung gehalten hat… Nun, vielleicht nicht sofort, aber zu erkennen und zu akzeptieren, dass alle Gemeinheiten mir nur wehtun können, solange ich dem Anderen die Macht dazu einräume – das fand ich schon magisch. Und je größer der Schmerz ist oder war, desto größer sind die innere Freiheit und das Glück, die sich einstellen, wenn diese Erkenntnis erst einmal in jede Ecke deines Bewusstseins rieselt.

Manchmal geschieht es wie von allein und fühlt sich magisch und leicht an. Es gibt aber auch diese anderen Tage. Dann kostet es Überwindung, sein gefühltes Recht auf Wut oder Schmerz bewusst nicht wahrzunehmen und eben nicht die Freundin anzurufen und sie auf die eigene Seite zu ziehen… Diese Tage finde ich sogar noch wichtiger. Vielleicht wirst du auch mal einen solchen Tag erleben. Vielleicht wirst du dich setzen und innerlich nach dem richtigen Gedanken oder Gefühl suchen, das du für diesen bewussten Prozess brauchst. Und vielleicht wirst du dann körperlich wahrnehmen, wie deine Wut sich zuerst irgendwo an deinem Körper ballt und ihn an dieser Stelle wie eine kalte, kribbelnde Wolke verlässt. Ja, das kann man tatsächlich spüren.

 

Wem dieser Sprung zu groß oder nicht machbar erscheint, dem empfehle ich, sich zunächst einmal mit dem Ego auseinander zu setzen.


Was ist das? Was will es? Und wieso finden es alle so doof?


Eckhart Tolle hat hierzu ein wundervolles Buch verfasst: Eine neue Erde – Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung (Näheres zu finden in meiner Leseliste). Viel Spaß mit der Selbsterkenntnis.

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